Home arrow Neu auf DVD arrow „Comrades in Dreams – Leinwandfieber“ auf DVD

Wer ist online?

„Comrades in Dreams – Leinwandfieber“ auf DVD PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sascha Klie   
Saturday, 10 October 2009

Comrades in Dreams – Leinwandfieber

 

Land: Deutschland 2006

Regie: Uli Gaulke

Produzent: Helge Albers

Darsteller: Anoup Jagdale, HAN Yong-shil, Lasalle Badiel, Penny Tefertiller

Musik: Mark Orton

Länge: 94 Min.

Ton: Dolby Stereo SRD

Sprachen: Maharati, Koreanisch, Französisch, Englisch

Untertitel: Deutsch

Bildformat: 1: 1,85

Extras: -

FSK: ohne Beschränkung

Verleih: Flying Moon Filmverleih

Vertrieb: Zorro Film

 

Image

 

 

In der indischen Provinz zieht Anoup mit seinem Zeltkino von Ort zu Ort. Es ist die Attraktion, wenn er mit seinem LKW ins Dorf kommt und jeder schon weiß, dass es wieder losgeht. Das Gedrängel am Abend ist riesengroß, jeder will dabei sein, wenn die indischen Seifenopern zur Aufführung kommen. Amerikanische Filme wie „Titanic“ interessieren hier niemanden, können sich die Einheimischen doch ein solch großes Schiff gar nicht vorstellen. Ihnen ist es lieber, wenn sich die Stars der Bollywoodfilme ab und zu beim Zeltkino zur Autogrammstunde sehen lassen. Anoup hat es geschafft, er hat studiert und einen Beruf gelernt, dann aber doch den Betrieb des Vaters übernommen, nur eine Frau fehlt ihm noch zu seinem Glück, doch bloß keine Liebesheirat, dann würde er von den Leuten im Dorf wie ein Mörder angeschaut werden.

 

Ganz anders im US-Staat Wyoming, wo Penny in einer alte Scheune das Dorfkino „The Flick“ betreibt. Sie ist die Beichtmutter des Ortes und kennt alle Bewohner schon seit Jahrzehnten. Die Teenies kommen, um ein erstes Date zu haben, die Älteren auch nur mal zum Plausch vorbei. Verdienst macht sie eher mit Popcorn und Getränken, doch sie liebt das alte Kino, weil es quasi als Dorfmittelpunkt dient. Hier schaut man ausschließlich Hollywood-Filme und interessiert sich nicht für andere Länder, schließlich ist man irgendwie autark.

 

Im afrikanischen Burkina Faso (ehem. Obervolta) betreibt Lasalle ein festes Open Air-Kino. Mit seinen Mitstreitern muss er um jeden Film kämpfen, wenn bei der Zentrale wieder einer ankommt, warten schon andere Kinobetreiber auf ihn. Geworben wird mit dem Lautsprecher auf dem Wagen, der durchs Dorf fährt oder per Radiodurchsage im Lokalradio. Einige Alte gehen nur ins Kino um der Langeweile daheim zu entkommen. Hier schaut man französische, aber auch indische Filme, die dem Seelenleben der Dorfbewohner offenbar nahe gehen. Sie lieben Geschichten und Gefühle, die ihnen nicht fremd sind und sie daher begeistern. Der Enthousiasmus der Männer hingegen behagt den Ehefrauen der drei Betreiber nicht, weil sie jeden Abend bis in die Nacht weg sind.

 

Image

 

In Nordkorea nun, wird die Geschichte von Han Yong-shil erzählt, die seit Jahrzehnten schon Filme für die Kolchose zeigt. Dass es sich um eine wichtige Funktion der ausgesuchten Funktionärin handelt, zeigt schon der Kleinbus mit dem sie die Filmrollen (in einer Art Dampftopf) auf den menschenleeren 8-spurigen Autobahnen transportiert. Sie zeigt Filme für die Genossen, die dadurch etwas lernen sollen, Unterhaltung steht nicht im Vordergrund, sondern Unterrichtung. Wenn es Probleme auf dem Feld gibt, wird ein Film über Düngung, Schädlingsbekämpfung o.ä. gezeigt. Die Dramen, wie „Unser Duft“, der die Verkupplung eines Paares durch die Großeltern zum Inhalt hat, zeigt wie die Auserwählte zuerst ablehnt. Sie zeigt sich aber dann doch einsichtig und gibt dem Lebensmittel-Ingenieur, der Kimchi-Kulturen entwickelt, nach einem Treffen eine Chance. Propagandafilme gegen die Amerikaner, wie „Die Frauen aus dem Quellental“, wo im Koreakrieg eine Gruppe von Frauen, die Soldaten unterstützten einem Bombardement zum Opfer fielen, stehen ebenso auf dem Programm.

Yong-shil schildert wie sie vieles über das Zusammenleben aus Filmen gelernt habe. Ihren Ehemann, den sie zunächst gar nicht mochte, arbeitet fern ab im Norden und „verschönert“ das Geburtshaus des 'Großen Generals' Kim Sung-il, was eine große Ehre ist. Ihre beiden Söhne dienen bei der Armee und so ist sie alleine, lediglich von ihrem Vorführkollegen unterstützt.

Sie erzählt eine bezeichnende Anekdote, als einmal wegen Hochwassers eine Brücke überflutet war, sie aber partout den Film „Chunhyang“ in ein Dorf auf der anderen Seite bringen wollte, wurde sie und der Film fortgerissen. Ihr damaliger Verehrer rettete den Film und sie auch, so wurden sie schließlich ein Paar.

Image Image

Image Image

 

Kommentar: Allen vier Beispielen liegt eine gemeinsame Liebe zum Kino am Herzen. Sie leben Kino, sie denken nicht primär an den Profit, sondern, wie sie ihrem Publikum etwas Besonderes bieten können. Man erhält dank der einfühlsamen Kamera und den entspannten Gesprächssituationen interessante Einblicke in fremde Kulturen und deren alltägliche Lebensweise. Fast intim die Szene, wo Anoup die Filmrolle im Tempel weiht und eindringlich wie Religion in den Alltag hineireicht.

Ein engagiertes Projekt, welches den Enthousiasmus zeigt, den die Protagonisten erlegen sind. Oftmals Autodidakten wurde Film ihr Lebensmittelpunkt. Fernab einer Couchpotato-Haltung, die DVDs einlegt und Kinosäle meidet, wird man in eine Zeit zurückkatapultiert, die uns eigentlich demütig machen sollte. Der wahre Idealismus, der jenseits von Klassenunterschieden oder Ideologien dem Medium Film und Kino verfallen ist, ist eine weltumgreifende Bewegung, die die Menschen überall auf unserem Planeten verbinden kann.

Abseits der nordkoreanischen Scheuklappenideologie erfährt man doch auch Privates, das einen nachdenklich werden lässt.

Während immer wieder die Frage nach der Aufnahme vom Camerons „Titanic“ beim Publikum gefragt wird (außer in Nordkorea natürlich), ist die letzte Einstellung ein großartiges Apercu: Yong-shil steht am Bug eines Dampfers auf dem Taedong-Fluss in Pyongyang direkt gegenüber des Juche-Towers (fast) in der berühmten Pose der Rose.

 

Die Machart dieser kurzweiligen, da gut geschnittenen und so die Erdteile verbindenden Dokumentation lebt durch die Authentizität, die sofort einsichtig wird. Ohne Aufdringlich zu sein, ist die Kamera einfach 'dabei', sie stört nicht und wahrt die nötige Distanz.

Die Musik verweist jeweils motivisch auf die entsprechende Region und untermalt mit Klassischer Gitarre die Strecken ohne Worte.

 

Ein wirklich gut gelungenes Projekt, welches sicherlich in anderen Ländern eine spannende Fortsetzung erfahren könnte. Ich hätte jedenfalls Spaß daran, mehr davon zu sehen.

 

Nach dem Filmstart im Januar 2008 ist der Film nun auf DVD erschienen.

 

 

(Vielen Dank an den Flying Moon Filmverleih in Berlin für die Überlassung des Screeners!)

Letztes Update ( Saturday, 10 October 2009 )