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"The Chaser" auf DVD PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sascha Klie   
Saturday, 20 December 2008

The Chaser

OT: 추격자 (Chugyeogja)

Südkorea 2008

Regie: NA Hong-jin

Drehbuch: NA Hong-jin, HONG Won-chan, LEE Shin-ho

Darsteller: KIM Yoon-suk, HA Jung-woo, SEO Young-hee, KIM You-jung, JEONG In-gi, CHOI Jung-woo

Kamera: LEE Sung-je

Musik: KIM Jun-seok, CHOI Yong-rock

Länge: 123 Minuten

Ton: Dolby Digital 5.1

Sprachen: Koreanisch / Deutsch

Untertitel: Deutsch

Bildformat: 16:9 (2,35:1)

Extras: dt. Trailer, Trailershow

Synchronisation und Untertitel: Wenn auch die Texte der Untertitel nicht immer der gesprochenen Rede entsprechen, stimmen sie doch inhaltlich voll überein. Der Synchronisation gebührt ein besonderes Lob: Eine der besten Synchronleistungen des Jahres im Bereich Asien! Die Aussprache der Namen passt und die Klangfarben der Originalschauspieler wurde gut entsprochen.

FSK: ab 18 Jahren

Vertrieb: Ascot Elite, mfa+

 

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Dieser Thriller ist ein weiterer Meilenstein im koreanischen Actionkino. Der spannungsgeladene, oft bedrückende Film ist kein Popcorn-Kino, sondern 2 Stunden Hochspannung pur. Die großartige Leistung der beiden Protagonisten wurde bereits mehrfach mit Preisen bedacht. Der junge Regisseur, der mit diesem Film debütierte, lieferte einen perfekten Nachweis für den hohen Standard der koreanischen Filmwirtschaft dieser Tage ab. Optisch wie inhaltlich auf höchstem Niveau, formal wie schauspielerisch ein grandioses Meisterwerk. Über 5 Millionen Zuschauer allein in Korea ließen sich den Schauer über den Rücken laufen.


Da in Korea Prostitution gesetzlich unter Strafe steht, es keine offiziellen Bordelle oder einen Straßenstrich gibt, müssen sich Freier andere Möglichkeiten suchen. So bieten Stundenhotels Freiräume, einschlägige Karaoke-Bars Begleitungen oder stellen Massagesalons entsprechende Dienste bereit. Mit Visistenkarten-Werbung hinterm Scheibenwischer oder auf dem Nachttisch bekommt man Telefonnummern mit entsprechender Verbindung. So ist es auch in diesem Film. Der Anrufer erhält Kontakt zu einem Beschützer, der die Termine und die Bezahlung verabredet. Er managt seine Frauen, denn es handelt sich nicht wie in Kim Ki-duks Film „Samaria“ (2004) um Teenager oder verschleppte Mädchen aus Südasien, sondern um Hausfrauen um die 30, die sich aus einer Zwangslage heraus, sei es eine Scheidung oder Arbeitslosigkeit, Geld dazu verdienen müssen. Kommt es zu Ärger mit den Freiern schreitet der Beschützer ein. Seine Aufgabe entspricht nicht der eines Luden oder Zuhälters im europäischen Sinne. In einem Land, wo Diskriminierung von Frauen gesellschaftlich tief verwurzelt ist, sorgt er vielmehr für den reibungslosen Ablauf der Verabredung und Koordiniert die Termine als Schnittstelle. Natürlich profitiert er von der Provision.

Hier trifft es Mi-jin, eine allein erziehende Mutter, die zu einem Stammkunden geschickt wird, der jedoch schon mehrfach unangenehm aufgefallen ist. Da der Beschützer Jung-ho die Namen der Kunden nicht kennt, lediglich die Telefonnummern vom Display hat, weiß er nicht genau, wo er suchen muss. Da er aber früher einmal Polizist war und noch immer Kontakte zu seinen ehemaligen Kollegen pflegt, kommt er an sonst geheime Ermittlungsergebnisse.

Der Freier lockt Mi-jin in eine abgelegene Villa, die jedoch ziemlich herunter gekommen ist. Vergeblich versucht sie aus der Toilette eine SMS zu schicken, denn die Fenster wurden zugemauert. Nun erst erkennt sie den Ernst der Lage. Ihr Freier ist ein Gewalttäter, der es auf sie abgesehen hat. Brutal geht er gegen sie vor. Gefesselt bearbeitet er sie mit Hammer und Meißel. Doch er wird von aufmerksamen Bekannten des Villenbesitzers gestört, die ihn beim Kirchgang vermissten. Durch Zufall geraten Jung-ho und der Freier Young-min bei einem Autocrash aneinander. Als er die Beule herunterspielt und als Bagatelle darstellt, und Jung-ho Blutflecken auf seinem Hemd entdeckt, zählt er eins und eins zusammen. Young-min ist enttarnt und flieht, doch Jung-ho verfolgt ihn über die Treppen des Stadtteils und kann ihn schließlich überwältigen. Als die Polizei kommt, nimmt sie beide mit. Auf dem Revier verstrickt sich Young-min in Widersprüche, gibt am Ende zu neun Menschen getötet zu haben. Seine Aussage erscheint jedoch nicht glaubwürdig, er wirkt wie ein Spinner, der nur angibt. Seine alten Kollegen können ihm aber nicht helfen, weil sie einen Angriff auf den Bürgermeister aufklären müssen, der auf offener Straße mit Dung beworfen worden war.

Nun gilt es für den Ex-Cop seine beiden verlorenen Schäfchen wieder zu finden. Er hat als Anhaltspunkt nur ein Schlüsselbund, den er im Wagen zurück ließ. Sein Kompagnon soll die Gegend absuchen.

Das Problem ist, dass nach dem koreanischem Gesetz ein Verdächtiger ohne Beweise nur 12 Stunden fest gehalten werden darf. Weil aber keine Leichen gefunden wurden, wird er wieder auf freien Fuß gesetzt. Nun wird die Zeit knapp, denn wenn Mi-jin noch lebt, steht es schlecht um sie, wenn er zurückkehrt. Zwar bemüht sich die Polizei ein Motiv zu finden, doch das Verhör ist eher unergiebig. Unter Verdacht stand er schon mehrfach, doch er wurde immer aus Mangel an Beweisen frei gelassen. Als man in der Wohnung von Mi-jin nach Haaren für einen DNS-Test sucht, stößt Jung-ho auf die 7-jährige Tochter, die vergeblich auf ihre Mutter wartet. Weil er sie nicht allein lassen kann, kümmert er sich vorläufig um sie. Die Zeit wird knapp...

 

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Was Regisseur Na Hong-jin hier in seinem viel beachteten und mit Preisen geradezu überhäuften Erstlingsfilm zeigt, hat man in Korea noch nicht gesehen. Die Thematisierung der Prostitution aus wirtschaftlichen Gründen ist ein Schlag für den Sozialstaat, der die Grundversorgung oft nicht gewährleisten kann. Hinzu kommt ein Polizeigesetz, welches den Ermittlungsbehörden zu wenig Spielraum für intensive Untersuchungen lässt. Der Spannungsbogen wird durch die grandiose Kamera- und Schnittleistung unterstützt. Wie die Steady-Cam bei den Verfolgungsjagden über die Treppen und Hügel der Armenviertel hetzt ist aller Ehren wert. Die Parallel-Schnitte der unterschiedlichen Ermittlungsschritte von Jung-ho und der Aktivitäten des befreiten Mörders fördern die suspence im Hitchcock'schen Sinne. Weil der Zuschauer mehr weiß, als die handelnde Person im Bild, man mit dem Helden mitfiebert und ihn unterstützen will, zittert der Zuseher stärker mit, wird er quasi miteinbezogen.

Die Polizei steht in keinem glücklichen Licht, wird als langsam und überfordert dargestellt, nimmt einen Notruf nicht ernst genug, weil die Sommersonne brennt und sie eher Siesta halten. Dabei sind die Ansätze da, der Staatsanwalt gibt jedoch den Ausschlag aus Mangel an schlüssigen Beweisen: Ohne Leiche kein Mord und in dubio pro reo als Prinzip ist seine trügerische Auffassung. Nur der Konsequente Einsatz von Jung-ho, der sich zunächst primär um seine Einnahmequelle sorgt, dann aber doch die Mutter der kleinen Tochter wiederfinden will, führt schließlich zur Aufklärung des Falles.


Der Film hat keine echte positive Identifikationsfigur, ist doch Manager der Mädchen ein illegaler Zuhälter im Auge des Gesetzes. Ganz zu schweigen vom psychopathischen Killer, der eher naiv als überlegen gespielt wird. Was ist geschehen? In Korea ist es ein Film-topos, dass Beamte als korrupt gelten, weil sie in der Regel vom Staat nicht sonderlich gut bezahlt werden. Dieses fängt beim Lehrer an, der Zensuren manipuliert und geht bis in die höchsten Staatsämter, wo Großaufträge an Firmenkonglomerate (Chaebol) vergeben werden. So wurde auch Jung-ho bestochen, jedoch dabei erwischt und musste deswegen seinen Dienst quittieren. Er wechselte die Seiten und wurde ein (Klein-)Krimineller.


Die beiden Hauptdarsteller, Kim Yoon-suk und Ha Jung-woo, schenken sich Nichts. In jeder Einstellung ist ihre Präsenz Bild füllend. Bis ans Limit ihrer physischen Kräfte waren die Dreharbeiten, die oft nachts und im Regen stattfanden, nervenaufreibend. Kim, ein Schauspieler, der von der Theaterbühne her kommt, fand 2001 zum Film. Bereits 2007 wurde er als Bester Nebendarsteller in „Tazza“ geehrt. Nun fand er in seiner ersten Hauptrolle die Möglichkeit sein Können voll auszuspielen. Ha's erste Rolle war ein psychologisch anspruchsvolles Stück über die Probleme beim Militär („Unforgiven“, 2005). Seit diesem eindrucksvollen Auftritt bekam er einen Auftrag nach dem anderen, so spielte er in zwei Filmen von Kim Ki-duk („Time“ und „Breath“ (2006 und 2007), aber auch in der koreanisch-amerikanischen Koproduktion „Never Forever“.


Am Ende des Show downs hält Jung-ho einen Moment inne. Man meint die Zeit steht still oder er sei durch den medusenhaften Anblick Mi-jins versteinert worden. Am Kulminationspunkt des Filmes hält man unwillkürlich den Atem an. Die Kamera dreht seinen Kopf auf die Seite, die Parallelität ergibt, das beide Opfer geworden sind. Das Happy End bleibt aus, doch das Leben geht weiter. Großartiges Kino vom Allerfeinsten!

Vorbild für das Drehbuch war ein wahrer Fall eines Serienmörders, der monatelang Korea in Atem hielt, dafür sorgte, dass junge Mädchen spät abends nicht mehr allein unterwegs waren. Diese spezifisch koreanischen Aspekte mögen für den Riesenerfolg ein weiterer Grund neben den schon erwähnten formalen wie inhaltlichen Vorgaben gewesen sein. Das beste Regiedebüt seit Jahren und ein viel versprechender internationaler Auftritt in Cannes diese Jahr verheißt einen weiteren filmischen Höhepunkt koreanischen Filmschaffens, der glücklicherweise sehr schnell nach Deutschland kam und in hervorragender Synchronisation nun vorliegt.


Ein Film der bei keinem Cineasten an Weihnachten unterm Gabenbaum fehlen sollte.


(Herzlichen Dank an ASCOT ELITE für die Bereitstellung der Rezensions-DVD).

Letztes Update ( Saturday, 20 December 2008 )